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Sieben Worte

Das Knirschen der Glassplitter, auf denen sie in ihrem Traum landete, wurde durch ein Klingeln ersetzt. Einige Sekunden lang wunderte sie sich über die weichen Glasscherben unter ihr. Dann über die schwarze Farbe. Langsam fanden ihre wodkaverstreuten Gedanken wieder den Weg zurück in das Minenfeld, das sonst ihr Kopf war; ganz langsam und vorsichtig, um die empfindlichen Minen nicht zu beunruhigen. Aus reinem Hohn war die Klingel lauter als sonst. Wütend sprang sie vom Sofa, um sich eine Olympiamedaille im Amoklauf zu holen. Doch Mutter Natur war der Meinung, ihr Kind heute besonders streng erziehen zu müssen und führte ihr einen ihrer Lieblingszaubertricks vor. Während sie vor dem Sofa auf dem Boden lag, zog die ganze Erdgeschichte an ihr vorbei, begleitet von verschiedenen Klingelvariationen, die sich der gesamten vorhandenen musikalischen Tonvielfalt bedienten, bis sie sich endlich aufrichtete und auf den Türöffner drückte.

Vor ihr stand ein Clown. Zumindest war er das auf den ersten Blick. Die grünen Haare waren zu einem Irokesen zusammengefasst. Sein Gesicht war komplett weiß; bis auf die Augen und den Mund, die schwarz angemalt waren. Er trug einen grünen Samtmantel, eine hellblaue knielange Stoffhose, dazu lachsfarbene Seidenstrümpfe und schwarz-weiße Chucks. Ein mit weißen Federn geschmückter schwarzer Hut mit hochgeklappter Krempe lag in seiner Hand. Zu mehr würde es der Hut in seinem Leben wahrscheinlich auch nicht bringen. Ausgestochen vom ehrgeizigen Irokesen. Das Eichhörnchen, das auf der Schulter des Clowns saß, fixierte sie mit seinen schwarzen Augen.

„Ich bin Mr Anderson.“ Sie löste ihren Blick vom Eichhörnchen und schaute den Clown ausdruckslos an. „Ich bin Mr Crowley’s Sekretär. Wie in Sekretärin. Nicht wie der Schreibtisch. Eine männliche Sekretärin.“ Der Clown hatte nicht einmal einen Mundwinkel verzogen. Ratlos lies sie ihren Blick von seinen Augen zu seinem Mund schweifen, erhielt keine Reaktion und blickte fragend zum Eichhörnchen. „Mr Crowley redet nicht. Wenn Sie etwas zu sagen haben, reden Sie mit mir.“ Sie zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Wir sind hier, um Mr Crowley’s Gitarre abzuholen. Er braucht sie für die Premiere. Sein erster Auftritt. Eine Beerdigung.“ Alles, was er als Antwort erhielt, war ein träges Kopfschütteln. Sie war sich sicher, so sicher wie ein Einlagensicherungsfonds in Zeiten einer Finanzkrise ist, keine Gitarre gesehen zu haben, die diesem Clown gehören könnte. „Sie wissen wo Sie uns finden. Wir werden warten.“ Sie hatte keine Ahnung. Der Clown drehte sich um und ging auf die Eingangstür zu. Das Licht einer schwachen, abbrennenden Kerze leuchtete kurz in ihrem pechschwarzen Kopfinneren auf. Nachdem die Tür geschlossen war, ging sie in die Küche und holte das Hackmesser aus einer Schublade. Es sollte kein Problem sein, das frische Grab hinter dem Haus aufzugraben und dem Piraten die Gitarre aus den Händen zu schneiden. Aber zuerst musste sie sich um den Clown kümmern. Dieses Mal würde die Gitarre im richtigen Grab liegen. Besitzer und Besitz, im Grab für immer vereint. Die Gitarre und ihr Verehrer Damit wäre die tägliche gute Tat abgehakt. Sie verließ die Wohnung und spielte mit ihrem Hackmesser. Ihre morgendliche miese Laune war verschwunden.

Funky Tom

Tom wurde von grellem Licht aus dem Schlaf gerissen. Orange war seine Lieblingsfarbe. Hände packten ihn grob und schoben ihn in einen engen Raum. Er konnte nicht mehr atmen, die staubig riechenden Wände drückten sich von allen Seiten an seinen schmalen Körper wie vergammeltes Gemüse, nur von oben kam ein bisschen Luft rein. Zwei Stimmen dröhnten in seinem Kopf, aber er konnte nicht verstehen, was sie sagten. Nur das hämische Lachen, das verstand er. Er wusste, dass es vorbei war für ihn. Sie würden ihn nicht am Leben lassen. Vielleicht ein bisschen foltern. Kleine Stücke aus seinem Körper rausbeißen.
Er war anders als die Anderen, die er kannte. Sie würden sich wahrscheinlich nicht einmal davon aus ihrer stoischen Ruhe bringen lassen. Seit er sie kannte, hatten sie sich nicht einen Millimeter von selbst bewegt. Sie lagen einfach nur da. Gelähmt von dem Gift, mit dem man sie besprüht hatte. Aber er, er war nicht so. Er konnte sich nicht mit seiner Situation abfinden, er würde sich wehren! Oh ja! Bösartiges Gelächter und metallische Geräusche verunsicherten ihn ein wenig. Er war kein Feigling, nein, auf keinen Fall, aber….diese Stimmen….dieses Lachen…. Was konnte er schon machen? Sich gegen DIE wehren? Es gab nur einen einzigen Ausweg. Mühsam schob er seinen arm- und beinlosen Körper nach oben. Sogar ein Emo hätte in der Zeit, die er brauchte, um sich hochzuschieben, die Freude an stumpfen Glasscherben verloren. Endlich hatte er es geschafft. Mit einem „My name is Tom and I’m funky!“ holte er ein letztes Mal Schwung….
Die Karotte fiel dumpf auf den kalten Asphaltboden und brach in zwei Hälften.

What a wonderful world

Solange sie denken konnte, war sie in diesem Raum eingesperrt gewesen. Früher war er ihr groß vorgekommen, aber mit der Zeit wurde er immer kleiner. Richtig verstanden hatte sie das nie. Was war das, das ihr so viele große, bunte und wunderschöne Dinge zeigen konnte, die an ihr vorbeizogen, die aber offensichtlich nicht wirklich da waren? Denn sobald sie etwas berühren wollte, konnte sie nur die kalten, undurchdringlichen Mauern spüren, die ihre Welt zusammenhielten. Manchmal machten ihr die Wände angst. Manchmal zeigten sie ihr unheimliche, riesige Dinge und Wesen, die sich so unglaublich schnell bewegten, dass ihr schwindelig wurde. Manchmal konnte sie ein blasses, kaum erkennbares Wesen sehen, das eine Miniaturausgabe der anderen war. Es schaute sie mit großen, ängstlichen und neugierigen Augen an. Es bewegte sich immer, wenn sie sich bewegte. Und immer in dieselbe Richtung. Jede Bewegung machte es ihr nach. Manchmal kamen auch Geräusche aus den Wänden ihrer kleinen Welt. Dumpfe Laute, aber manchmal konnten sie ihre Welt zum Beben bringen.
Eines Tages als sie wieder an die kalten Wände gelehnt die verwirrenden Bilder betrachtete, kam etwas Großes auf sie zu. Es kam immer näher, bis es ihre seltsamen Mauern zu berühren schien. Aber natürlich konnte es sie nicht berühren, denn das alles, was sie sah, gab es nicht wirklich. An diesem Tag änderte sich alles für sie. Es gab ein lautes Geräusch. Lauter als alles, was sie bisher gehört hatte. Ihre Welt schien in tausend kleinen Stücken durch die Luft zu schweben. Sie versuchte sie aufzufangen, die vielen schönen und auch beängstigenden Bilder zu retten. Brennende Schmerzen lähmten sie. Verständnislos blickte sie auf ihre Hände, in denen sie gerade eben noch die Bruchstücke der ihr so vertrauten kalten Mauern gehalten hatte. Jetzt steckten einige Teile davon in ihren kleinen Händen und aus den Stellen, an denen ihre Welt sich in sie hineingebohrt hatte, floss eine dunkle Flüssigkeit heraus. Langsam hob sie ihren Kopf und hoffte, dass das alles nur ein weiterer Streich war, den ihr die Mauern spielten. Erleichtert sah sie sich um. Alles sah aus wie immer. Es war nichts Schlimmes passiert. Es würde so weitergehen wie immer, doch ab jetzt würde sie die Wände nicht mehr berühren. Als sie sich umdrehte, schien ihr Herz stehen zu bleiben. Etwas hatte sich doch verändert. Ein Teil der Wand sah etwas anders aus als der Rest. Jetzt bemerkte sie auch, dass sich die gedämpften Laute, die sie sonst hören konnte, zu einem unerträglichen Lärm gesteigert hatten. Ihr kam es so vor als würde ihr Kopf jeden Augenblick zerspringen, er war doch viel zu klein für die ganzen Geräusche. Sie wusste nicht mehr wie lange sie so dagestanden hatte bis sie die lähmende Angst überwinden konnte. Sie schwebte vorsichtig zu der seltsamen Stelle in der Wand und streckte die Hand aus, um sie zu berühren. Doch da war nichts. Sie tastete sich weiter und wartete auf das vertraute Gefühl der kühlen Mauer, aber es kam nicht. Sie flog weiter und stellte erstaunt fest, dass sie sich mitten in den Bildern, die sie immer gesehen hatte, befand. Überall um sie herum waren die beängstigend großen Wesen. Sie musste ihnen ständig ausweichen, denn anscheinend bemerkten sie sie gar nicht. Mitten in der Menge der Wesen sah sie eines, das etwas kleiner war als die anderen und auf sie zu rannte. Es hatte sie also doch jemand bemerkt. Erleichtert flog sie dem Wesen mit den langen, hellen Haaren und dem freundlichen Gesicht entgegen. Sie wusste, dass es ihr nichts tun würde. Es streckte ihr seine Hände, die aussahen wie ihre eigenen, nur viel größer, entgegen. Doch plötzlich wurde es immer dunkler um sie herum. Die Hände kamen immer näher, und näher. Sie schlossen sie ein und kamen noch immer näher. Sie konnte nicht raus. Das kleine Mädchen drückte ihre Hände fest zusammen, öffnete sie wieder und klatschte die Handflächen aneinander. Dann lief sie ins Haus und wusch sich die Hände bevor ihre Mutter die schmutzigen und mit dunkelroter Flüssigkeit verklebten Hände sah.

Die dunkle Seite der Macht

Letztes Jahr gab es ein Ereignis, das mein ganzes Leben verändert hat: es passierte an einem verhängnisvollen Tag im Februar, in meiner Tasche ist eine Flasche Apfelschorle ausgelaufen. Es hat Stunden gedauert, bis ich alle Bücher trockengeföhnt habe. Zufall?? Nein! Es war Absicht! Ein hinterhältiger, genau geplanter Anschlag auf mein Leben! Die Apfelschorle hat sich gegen mich verschworen. Aber es ist nicht nur bei der Apfelschorle geblieben, sie hat jetzt schon mein ganzes Zimmer auf ihrer Seite. Das ganze ist eine gemeine Verschwörung…sie wollen mich umbringen…
Mein Zimmer wirft mit Büchern nach mir, DVDs, Stifte und andere lebenswichtige Dinge verschwinden einfach –manchmal sogar vor meinen Augen!! Meine Lampe hängt sich tiefer…Sachen fallen grundlos von meinem Regal…
Gerade als ich in ein anderes Zimmer umziehen wollte, um dieser Verschwörung zu entkommen, hat die Apfelschorle, dieses Miststück, den Optimismus erfunden. Diese Plage hat sich schneller ausgebreitet als die Vogelgrippe. Überall wo man hinschaut, sieht man lächelnde Menschen, die gut drauf sind, nur um mich in den Wahnsinn zu treiben. Was soll ich denn mit völlig unrealistischen, unnötigen, unangebrachten, lebensbejahenden Kommentaren anfangen?
Die asoziale Apfelschorle hat sich aber noch mehr Gemeinheiten ausgedacht: – Rentner, die versuchen mir ihre Lebensgeschichte zu erzählen während ich auf den Bus warte…who cares?? Ist doch nicht meine Schuld, dass sie niemanden mehr haben, mit dem sie reden können, weil alle, die sie kennen, sorry, gekannt haben, schon tot sind.
– Greenpeace und Ökos mit ihren Hühner-Rettungsaktionen. Wozu soll man die noch retten? Früher oder später sterben sie sowieso an der Vogelgrippe.
– Hühner: die dümmsten Tiere überhaupt…und mit so etwas soll man auch noch Mitleid haben…
– Cowboys, Cowboystiefel, Cowboyhüte und alles was sonst noch dazu gehört
– und dann gibt es noch Kinder…sie laufen grundsätzlich gegen alles, was sich in einem Umkreis von drei Metern um sie herum befindet, sie nuscheln vor sich hin, als ob sie irgendwer verstehen würde, fassen alles an, schreien, können nicht mal 10 Sekunden lang ihr Gleichgewicht halten, fallen grundlos hin, sind dabei noch total wehleidig, heulen und erwarten dann, dass man sie mag…
Und was denkt sich die Apfelschorle, die Achse des Bösen, die dunkle Seite der Macht, als Nächstes für mich aus? Noch eine Staffel von DSDS? Kai Pflaume und „Nur die Liebe zählt“ gibt es in 10 Jahren noch immer? Ihre Möglichkeiten sind leider unbegrenzt, es gibt noch so viele Bösartigkeiten, um mir das Leben schwer zu machen…
Und wer weiß, irgendwann wird es EUCH vielleicht auch treffen…

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